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Mein Leipziger Tagebuch

Es ist für mich immer noch ungewöhnlich. Als Heike uns ich anfingen über ein Magazin für den deutschen  literarischen Krimi nachzudenken, habe ich nicht damit gerechnet, dass wir schon bald ein zwar  kleiner, aber doch eben ein Teil der Szene  werden.

Schon die Möglichkeit, als Pressevertreter an der Frankfurter Buchmesse 2005 teilzunehmen,  war fast wie ein Ritterschlag. Doch zwischen Frankfurt 2005 und Leipzig 2006 haben wir es geschafft, mit einer viel professionelleren Einstellung, sowohl die Sendung wie auch die Homepage zu verbessern. Mittlerweile ist „Der Literaturkaffee“ fester Bestandteil der offenen Kanäle in Marl, Dortmund und Essen. Auch die Homepage entwickelt sich immer mehr zu einem Informationsmedium, dass viel und gerne genutzt wird. Daher war es nur logisch auch die Leipziger Buchmesse zu besuchen.

Im Vorfeld war ich voller Erwartungen und Vorurteile, denn noch immer gilt der Osten unseres Landes als eine Art weiße Fläche. Dresden, Erfurt, Potsdam oder Leipzig gelten vielen noch als suspekt. Hinzu kam, dass kurz vor Reisebeginn die Dresdner damit an die Öffentlichkeit traten, ihre städtischen Finanzen mit dem Verkauf von renovierten Mietwohnung saniert zu haben, und jetzt schuldenfrei zu sein. Das alles mit „unserem“ Solidaritätszuschlag. Das war  ein fader Beigeschmack bei unserem ersten Besuch in der DDR oder, wie es so schön seit fünfzehn Jahren heißt, in den „neuen Bundländern“.

Zwischen Essen und Leipzig liegen rund 570 Kilometer und Heike und ich trafen die falsche Wahl, wir fuhren mit dem Auto. Ein Flug nach Leipzig und ein Mietwagen, wären sicherlich effektiver gewesen.

 

Wir hatten Glück, die A2 war frei und wir schafften die Strecke in knapp sechs Stunden. Am ehemaligen Grenzübergang Helmstedt/Marienborn gibt es kleines Freilichtmuseum, dass man von der Autobahn sieht. Hier befinden sich die ehemaligen Grenzanlagen und schon wurden alte Erinnerungen wach an „die gute alte Zeit“, als es noch zwei Staaten gab, eine Mauer und ein klares politisches Weltbild. Wir, die freien Deutschen und hinter der Mauer die armen, geknechteten Schwestern und Brüder, die von der zweiten Diktatur in Folge unterdrückt wurden. Heute ist alles anders. Der große, dicke Mann aus Oggersheim, der die Wiedervereinigung als seinen persönlichen Triumph feierte, lag ebenso so falsch, wie wir alle, die wir fest davon überzeugt sind, dass alles in der DDR vor der Wende Mist war. Eine sanfte Vereinigung, die auch die Befindlichkeiten der Ostdeutschen berücksichtigt hätte, wäre für beide Seiten sicherlich effektiver gewesen. Das ist wie beim Sex, die schnelle Nummer lässt immer mindestens einen unbefriedigt zurück. Ein langes, intensives Liebesspiel, mit einem für beiden befriedigenden Orgasmus, zeichnet ein Leuchten in beide Augenpaare.

Gegen Nachmittag trafen wir im Hotel ein.

Nach dem Einchecken fuhren wir zum Leipziger Hauptbahnhof . Viele hatten uns vorgeschwärmt, wie toll dieser Bahnhof nach seinem Umbau geworden sei. Von Außen wirkte er so, wie jeder andere Bahnhof auch, grau und trostlos. Doch sobald man den Bahnhof betritt tauch man in eine völlig andere Welt ein. Ein Einkaufszentrum der Superlative, mit einer Menge von interessanten Läden und das ganze eingepasst in die alte Architektur des Bahnhofs. Hier treffen sich Einheimische und Touristen und das in der Zeit von 10-22 Uhr und auch am Sonntag. Obwohl ich Einkaufszentren hier bei uns zur Genüge kenne, die Architektur und die Illumination des Gleises macht den Leipziger Hauptbahnhof zu einem außergewöhnlichen  architektonischen Erlebnis. Mit solchen Bahnhöfen macht das Reisen Spaß.

Am nächsten Tag ging es zur Messe. Das Messegelände ist sehr großzügig und großräumig geplant und supermodern umgesetzt. Vier große Hallen gruppieren sich um eine großräumige Glashalle. Imposant und beeindruckend. Mein Freund Friedel Klimmek ist der festen Überzeugung, dass man die gesamte Leipziger Buchmesse im Pförtnerhaus der Frankfurter Buchmesse unterbringen könnte und das zeigt so ziemlich die Relationen. In Leipzig waren knapp über 2000 Verlage vertreten, in Frankfurt das vierfache. Trotzdem hat Leipzig einen eigenen Charme, der sich nur schwer erklären lässt. „Leipzig liest“ und das drückt den Eventcharakter dieser Messe am besten aus. Es gibt keine Fachbesuchertage, sondern die Messe ist vom ersten Tag an für das Publikum geöffnet. So fühlten wir uns beim Betreten der Messe wie in einem überdimensionalen Klassenzimmer. Schüler wohin das Auge reicht. Ich gewann sofort den Eindruck, dass die Leipziger „ihre Messe“ in Beschlag nahmen. Keine Ahnung, was passieren würde, wenn es hier bei uns freie Schultage zu einer Buchmesse geben würde. Vielleicht würden 25 Prozent einer Klasse den Weg zur Messe finden. Mir wurde anschaulich vor Augengehalten, dass es hier eine Kultur des Lesens gibt, die bei uns in dieser Form unbekannt ist.

Was dem Charme dieser Tage ausmachte war aber vor allem dass Autoren und Leser über zahlreiche kleine und große Bühnen den Weg zueinander fanden. „Leipzig liest“, hier wurde Literatur greifbar. Über die eigentliche Messe hinaus fanden fast tausend Veranstaltungen auch in der Stadt statt. Viele Kneipen boten Lesungen mit Autoren an. Im Leipziger Landgericht gab es zwei große Veranstaltungen mit deutschen Krimiautoren.

Rutger Boos, der Eigentümer des Grafitverlages hatte Ralf Gerstenberg aufgeboten, der seine Geschichte aus der Anthologie „Blutgrätsche“ las.

Obwohl die Messe deutlich kleiner war als Frankfurt, konnte man auch hier „Kilometer machen“. Schon nach einer guten Stunde wurde mir klar, dass das Lesevergnügen nur „so lange die Füße tragen“ hält. Das Gemeine an einer Buchmesse ist, dass jeder Stand interessant ist. Man geht nicht mal so eben durch eine Halle, zwei bis drei Stunden sind da schon normal.

Wenn man, wie ich, Bücher liebt dann sind Messen so was wie Weihnachten und Ostern auf einmal. Ich gehe mit großen staunenden Augen an den Ständen vorbei und fühle mich fast wie im Paradies. Auch wenn ich den einen oder anderen Gang bereits zum dritten Mal durchlaufe entdecke ich immer wieder etwas Neues.

Leipzig war auch dahingehend etwas besonderes, weil zum ersten Mal dem Hörbuch eine eigene Halle gewidmet wurde. Der Hörbuchmarkt expandiert. Wachstumsraten im zweistelligen Bereich sind durchaus normal. Das Hörbuch ist also nicht länger ein Anhängsel, es ist vielmehr eine eigenständige Literaturform.

Und toll waren die großen Hörbuchinseln in der Halle 3 und 4. Gegen Nachmittag wurde es in den Messehallen unangenehm voll und jetzt konnte man das Motto der Buchmesse leicht abändern, aus „Leipzig liest“ wurde „Leipzig schiebt“.

Nach dem weiten Weg zurück ins Hotel gingen wir relativ früh schlafen.

Für den zweiten Tag hatten wir uns neben einem Besuch auf der Leipziger Messe auch ein Sightseen Programm zusammen gestellt. Wieder begeisterten mich vor allem in den frühen Stunden die zahlreichen Kinder und Jugendlichen, die ihre Messe in Beschlag nahmen. Wir absolvierten einige Gespräche, trafen uns mit Freunden und dann machten wir uns auf den Weg in die Innenstadt.

Ich mag die Musik von Johann Sebastian Bach, daher war natürlich der Besuch in der Thomaskirche obligatorisch. Wunderschön war, dass der Organist probte, als wir die Kirche betraten. Hier also hatte Bach vor drei Jahrhunderten gewirkt. Es war beeindruckend, zumal auch das Grab des Thomaskan tors im Altarraum durch eine Grabplatte dokumentie rt wird. So erscheint es gar nicht ungewöhnlich, dass man den Eindruck, erhält der Geist Bachs schwebe immer noch in diesen geheiligten Hallen.

Rund um die Thomaskirche erhält man einen ersten Eindruck über die gewaltigen Restaurationsanstrengungen, die die Leipziger hier in den letzten Jahren unternommen haben. Liebevoll wurde und wird das historische Stadtbild wieder hergestellt. In den Häusern befinden sich zahlreiche kleine Cafes und Restaurants, die zum Verweilen einladen. Das Preisniveau ist nicht niedrig, es ist ausgesprochen preiswert, hier den Gaumenfreuden zu frönen.

Vorbei an der beeindrucke nden Fassade der Commerzba nk, die sich mit Blattgold ins rechte Licht setzte ging es zu einem weiteren, wunderschön reformierten, Meilenstein deutscher Kunstgeschichte.

Nicht weit hinter dem Bau der Commerzbank befindet sich die Mädlerpassage. Eine Nobeleinkaufspassage mit einem der bekanntesten Restaurants Deutschlands. Dem „Auerbachskeller“.

Laut Goethe fand hier die  Begegnung zwischen Mephisto und Dr. Faustus statt.

Hier also hat der Dichterfürst das wohl bekannteste Stück deutscher Literatur geschrieben, den „Faust“.

Darüber hinaus hat Leipzig eine Kneipenszene, die die Düsseldorfer Altstadt in den Schatten stellt. Während der Leipziger Buchmesse boten viele Kneipen ihre eigene Lesung an. Es schien fast, als ob das für die Leipziger diesen Teil der Buchmesse am meisten lieben.

 

Für mich endete die Buchmesse und mein Besuch in Leipzig hier. Wie heißt es so treffend: „Wenn es am schönsten ist sollte man gehen.“

 

In diesen zwei Tagen hat sich meine Einstellung zu den neuen Ländern vollkommen geändert. Ich habe Respekt vor der Leistung, die dort in Leipzig vollbracht wurde. Ich betrachte diese beiden Tagen als erste Schritte zu meiner persönlichen Wiedervereinigung. Vor allem freue ich mich auf ein Wiedersehen, zu „Leipzig liest 2007“.

 

 

 

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